Eine Einstimmung auf Le Mans.
24 Stunden dröhnen die Motoren. 24 Stunden höchste Konzentration.
24 Stunden warten auf die letzten Minuten. Dann endlich ist es vorbei.
Sieg. Die Müdigkeit ist nicht mehr zu spüren. Das 24 Stunden
Rennen von Le Mans ist die härteste Motorsportveranstaltung der Welt.
FOCUS begleitete das Team von Audi und blickte tief hinter die Kulissen.
Von GERD KEBSCHULL
Audi hat die Herausforderung angenommen. Im letzten Jahr wurde der Audi
R10 TDI auf die Straße gestellt. Ein Novum im Motorsport. Ein Turbo
Diesel, ein Stinker – soll gegen die edlen Benzin-Triebwerke gewinnen?
Vor allem den Amerikaner soll gezeigt werden: Ein Diesel, „Made in Germany“,
kann Autorennen gewinnen, kann eine Corvette ganz alt aussehen lassen.
Dr. Ulrich, der Motorsportchef von Audi, stapelt zunächst tief: Audi
betritt neues Terrain, will erst einmal lernen. Aber Audi steckt nicht
zig Millionen Euro in ein Projekt, ohne das Ziel zu haben, ein siegfähiges
Auto zu bauen. Der Erfolg gab ihnen Recht. Sieg in Sebring (USA, FL), aber
ein Fahrzeug fiel aus. Am Ende der Saison: Sieg in der American Le Mans
Serie. Sieg und Platz drei in Le Mans. Aber in diesem Jahr werden die Karten
neu gemischt. Porsche hat seine Hausaufgaben gemacht und Peugeot startet
ebenfalls mit einem Diesel-Sportwagen. Audi will auch in diesem Jahr den
Sieg. Die Entscheidung: Es wird ein dritter Sportwagen ins Gefecht geschickt.
Glutrot geht die Sonne am Horizont auf. Die Mechaniker haben
für dieses Naturschauspiel keine Zeit. Schon seit Stunden schrauben
sie am Audi R10 TDI. Für sie ist diese Veranstaltung fast ein 6-Tage-Rennen.
Bereits am Montag reist das Team an. Jedes Teil wird noch einmal gecheckt.
Jedes Teil ist wichtig. Jeder noch so kleine Fehler kann den Sieg kosten.
Heute am Donnerstag sind wir bereits in der heißen Phase. Training.
Die Autos müssen fitt gemacht werden für den schweren Parcours.
Le Mans ist keine normale Rennstrecke. An 51 Wochen des Jahres fahren hier
PKW und LKW. Nur einmal im Jahr erwacht die Kleinstadt aus ihrem Dornröschenschlaf.
100.000 Menschen aus der ganzen Welt reisen an. Reiche Motorsportfans aus
England schlafen in ihrem Rolls-Royce – irgendwo am Straßenrad. Egal,
die Hauptsache ist, irgendwo sein Auto abstellen zu können. Man schätzt,
dass über 20.000 dänische Fans angereist sind. Sie übernachten
auf den „dänischen“ Campingplätzen. Le Mans heißt natürlich
auch Party. Die Dänen wollen ihren Nationalhelden Tom Kristensen wieder
ganz oben auf dem Treppchen sehen. Bereits sieben Mal hat der sympathische
Sportler hier abgeräumt – so oft wie kein anderer Fahrer in der langen
traditionsreichen Geschichte von Le Mans.

Im letzten Jahr war für die Techniker und Ingenieure mal wieder
eine Nachtschicht fällig. Dindo Capello hat auf regennasser Straße
den Wagen gegen eine Leitplanke geklatscht. Am nächsten Tag rollte
der Audi wieder wie neu aus der Box. Eigentlich war es nicht zu schaffen,
aber irgendwie schaffen sie es doch. Dino Capello hat sich auf der Pressekonferenz
bei seinem Team bedankt, das Unmögliche möglich gemacht zu haben.
Er hat das Team für eine Woche zu sich nach Hause nach Italien eingeladen.
Wer das Team kennt, der weiß – die sind auch gekommen. |